Piazza del Campo, Siena
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Vorwort

Ich will Ihnen jetzt vom hau (Geist) erzählen …Das hau ist nicht der Wind, der bläst. Ganz und gar nicht. Stellen Sie sich vor, Sie besitzen einen bestimmten Gegenstand (taonga) und geben ihn mir; Sie geben ihn mir ohne festgesetzten Preis. Wir handeln nicht darum. Nun gebe ich diesen Gegenstand einem Dritten, der nach einer gewissen Zeit beschließt, irgend etwas als Zahlung dafür zu geben, er schenkt mir irgend etwas. Und dieses taonga, das er mir gibt ist der Geist (hau) des taonga, das ich von Ihnen bekommen habe und das ich ihm gegeben habe. Es wäre nicht recht von mir, diese taonga für mich zu behalten.
Tamati Ranaipiri

Subjekte und Gesellschaft – der Titel für das vorliegende Buch umreißt nicht nur das Themenfeld der versammelten Beiträge. Er bezeichnet die Spannweite, die unumgänglich wird, wenn sich sozialwissenschaftliches Denken auf die Konstitutionsmechanismen der soziokulturellen Welt richtet. In den letzten Jahren ist es wohlfeil geworden, auf dieses Unterfangen einer genuin soziologischen Konstitutionstheorie zu verzichten. In der sozialtheoretischen Debatte der Gegenwart bieten sich eine Vielzahl von Spielarten des kulturalistischen Konstruktivismus und Dekonstruktivismus an, die, fasziniert von der Pluralität und Vieldeutigkeit kultureller Lebensformen, die Frage nach ihrer Entstehung und Entwicklung verabschieden oder tautologisch auf sich selbst zurückbiegen: Kultur entstehe aus Kultur. Ein Denken, das diesem Zirkel zu entweichen sucht, muß auf die außergesellschaftlichen Bedingungen der kulturellen Lebensform der Menschen zurückfragen. In dieser Perspektive rückt die klassische Frage der Soziologie erneut in den Mittelpunkt: Wie ist der Konstitutionszusammenhang von Subjekten und Gesellschaft, von Handlungen und Strukturen, von Menschen und Sozialsystemen zu verstehen? Eine solche Soziologie stellt sich die Aufgabe, das heterogene Gesamt eines Strukturbildungszusammenhangs von Gesellschaft und individueller Handlungskompetenz zu rekonstruieren. Diese Perspektive richtet sich auf das Ganze der soziokulturellen Welt und somit auf das Ganze der Geschichte.

Am Verständnis des Konstitutionsprozesses und mithin an der methodologischen Grundlegung seiner Rekonstruktion scheiden sich freilich die Geister. Läßt sich die Konstitution sozialer Ordnung und kultureller Muster als ein Entwicklungsprozeß zugänglich machen, in dem sich eine in der Sache »immer schon« angelegte Potentialität verwirklicht? Von dieser Option einer »ursprungslogischen und teleologischen Rekonstruktion« setzen sich Entwicklungsmodelle ab, die auf die Genese des Neuen im Prozeß der Konstitution gesellschaftlicher und kultureller Ordnungsmuster abstellen, fasse man dies nun als Emergenz höherstufiger Systeme oder als prozessuale Strukturgenese komplexerer Handlungskompetenzen. An solche, die Genese des Neuen betonende Ansätze ist allerdings die Frage zu richten, wie ein solcher Prozeß überhaupt in Gang kommen kann. Ein Großteil der Beiträge in diesem Band fokussiert auf diese methodologischen, aber nur gegenstandstheoretisch anzugehenden Fragen, deren Klärung für einen rekonstruktiven Zugang zu Einheit und Vielheit gesellschaftlicher und kultureller Strukturen unabdingbar ist. Ein monistisches und unilineares Verständnis sozialer Konstitutionsprozesse würde den Gegenstand freilich verfehlen. Es ist nicht das Subjekt, das sich in der Welt bildet oder gar sich eine Welt bildet. Es sind die Subjekte in der Geschichte, die mit sich selbst unterschiedliche Muster sozialer und kultureller Ordnungen und individueller Handlungskompetenzen entwickeln.

Die Beiträger dieses Bandes vertreten unterschiedliche Disziplinen und heterogene Theorieansätze. Dennoch reflektieren ihre Fragestellungen und Lösungsansätze einen Denkzusammenhang. Dieser Band will eine Gabe sein, und wie jede Gabe, geht sie auf eine frühere zurück: Auf den hau eines Werkes, das als kollegiale Irritation, theoretische Innovation, akademische Instruktion und in manch anderer Weise mehr den Beiträgern gegeben wurde. Der Band ist Günter Dux gewidmet, mit Dank für seine Ideen, Projekte und Publikationen, die – und das ist die entscheidende Qualität einer Gabe – vielen anderen gestattet haben, die Grenzen des Gegebenen zu überschreiten und so die eigenen Wege vielseitiger und fruchtbarer zu gehen, als es ohne ihn möglich gewesen wäre. »Eine Gabe, die nicht überbordend ist, eine Gabe, die sich in einer Bestimmung einschließen und durch die Unteilbarkeit eines identifizierbaren Zuges begrenzen ließe, wäre keine Gabe.« (Jacques Derrida) Wenn man weiß, was zurückkommt, hat man nicht gegeben, sondern getauscht. Der hau einer wirklichen Gabe ist stets überraschend und nicht kalkulierbar. Wir hoffen, dies mit diesem Band einlösen zu können: den Rand des Erwartbaren im Rahmen einer Festschrift für Günter Dux zu überborden.

Eine Person in dem Denkzusammenhang, auf den dieser Band zurückgeht, ist nicht mehr. Bettina Bretzinger, die sich in ihrem wissenschaftlichen Leben erst im Aufbruch befand, starb während der Fertigstellung. Ihr Tod sprengt den Rahmen unserer Worte. Er macht uns fassungslos. Sie fehlt uns als ein Teil unserer selbst, als Gesprächspartnerin und Kollegin, als Teil unseres Denkens.

Ulrich Wenzel und Klaus Holz im Dezember 2002.

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